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Bieler Tagblatt 19.12.1998

Warenhaus BURG: Ritual Theater mit "Kunst ist-"

Künstler mit Schlafstörungen

Natalie Rüfenacht

"Kunst ist-" nicht Skulptur, nicht Bild und nicht Collage. Mit der gleichnamigen Performance demonstierte das Ritual Theater an der Weihnachtsausstellung, was Kunst nun tatsächlich ist.

Ein Mann liegt mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Eine Frau mit langem Haar wickelt schweigend und ernst weissen Bindfaden um zwei weisse Säulen. Ein anderer Mann wird ein paar Minuten später regungslos mit dem Gesicht in diesen Bindfäden verharren. Im Moment aber trinkt er gerade etwas Wasser.

Mitten in der üppigen Farbentracht der Weihnachtsausstellung, im zweiten Stock des Warenhauses Burg, wurden 24 Stunden lang die elementarsten Dinge des menschlichen Handelns zelebriert. Minimalisierte und ritualisierte Strukturen und Handlungen, aus dem Leben und dem künstlerischen Prozess heraus erarbeitet, wie im Pressetext mitgeteilt wurde.

Mit "eines Menschen" ist wohl Thomas Zollinger gemeint, der geistige Vater und Mittelpunkt des Ritual Theaters. Lieber aber bezeichnet er sich als Theaterforscher. Und als solcher hat er bereits ERfahrungen, erforscht, erforscht er doch seit Jahren steig, wie der die Reduktion auf das Wesentliche perfektionieren kann - von 168 Stunden Wasser tragen über 12 Stunden gehen zu Minuten sitzen. An der 24 Stunden-Performance im Warenhaus Burg ging Zollinger sogar noch weiter: Dort wurde auch das Schlafen als Kunsthandlung zelebriert.

Denn "Schlafen ist schliesslich eine elementare Handlung. Genauso wie", und hier senkt Zollinger deie Stimme und neigt das Gesicht etwas zur Seite, "pissen und schiessen". Die Reduktion auf das Elementarste sei von Donnerstagnachmittag 15 Uhr bis Freitagnachmittag 15 Uhr konsequent durchgezoen worden, sogar Blechbüchsen seien bereit gestanden.

Und so wurde diese Performance also Teil eines Prozesses, der zur Eliminierung von Materialien, Instrumenten und Objekten führen sollte. Als diesem geistigen Prozess etwas hinderlich habe sich die Präsenz der Weihnachtsausstellung erwiesen, sagt Zollinger. Der Künstler hat sich jedoch von der ungewohnten Anwesenheit von Objekten nicht von seinem Weg abbringen lassen und sich mit dem rituellen Zerreissen eines Textes begnügt.

Denn "Kunst ist-" schliesslich nicht das Objekt, sondern die ritualisierte Handlung des Menschen, erklärt Thomas Zollinger den - vor allem im Zusammenhang mit der Weihnachtsausstellung - irreführenden Titel seiner Performance. Und Kunst ist gemäss einer Theorie des Ritual Theaters auch die Reaktion des Zuschauers auf die Kunst selbst. Dabei sollte die Trennung zwischen Künstler und Zuschauer aufgehoben werden: Stehen, Sitzen, Gehen und weitere Handlungen der Besucher sollten zu einem Teil der Performance werden. Doch wer zwischen Donnerstag 21 Uhr und Freitag 14 Uhr an diesem Prozess der Eliminierung teilhaben wollte, der stand vor geschlossenen Türen. Drinnen, so versichert Zollinger, habe man sich in der Zwischenzeit nicht auf die faule Haut gelegt. Man habe die rituellen Handlungen weitergeführt - nur eben ohne Einbezug von Passanten und Besuchern.

 

(Kunst ist- 24 Stunden Performance)