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Bieler Tagblatt 30.06.2000

Thomas Zollinger: Die Existenz als Kunst-Konzept

Ist Kunst eine Arbeit wie jede andere?

Annelise Zwez

Thomas Zollingers Haltung, die Existenz des Künstlers sei zu sichern, war nach einem BT-Interview Tagesgespräch. Eine Veranstaltungsreihe in der Gewölbe-Galerie in Biel zeigt, worum es geht.

Die Performances des Bieler Künstlers Thomas Zollinger sind selbst für viele Kulturinteressierte ein rotes Tuch. Was soll das: 12 oder 24 Stunden in, respektive zwischen leeren Räumen wachen und gehen, Wasser trinken oder tragen? Eine langweilige Sache. Und dann erst noch fordern, dass der Staat diese «Arbeit» bezahle.
Thomas Zollinger (geb. 1952 in Zürich) geht es tatsächlich nicht um Unterhaltung und schon gar nicht um Animation. Wohl aber um die radikale Formulierung und Umsetzung eines von der Minimal Art und der Performance-Kunst der frühen 70er-Jahre beeeinflussten künstlerischen Konzeptes. Mit obsessiver Kraft versucht er seit 1994 ein «Bild» - vielleicht auch eine «Skulptur» - eines auf minimale Strukturen reduzierten «Lebens» sichtbar zu machen.

Wenn der amerikanische Minimal-Art-Künstler Carl André - einer der Tops der Kunstgeschichte - quadratische Metall-Platten auslegte und sagte, diese seien nichts als ihre eigene Existenz, so wurde das - zum Beispiel im Wenkenpark in Riehen, 1980 - als Reduzierung des Kunstgedankens auf seine Basis gefeiert. Andrés Platten sind heute ein Vermögen wert. Dabei ist das emotional eigentlich harmlos mit einem Künstler, der im Kern dasselbe auf der Ebene gelebten Lebens - und damit im Schussfeld einer über den geschützen Raum der Kunst hinausgehenden Öffentlichkeit - tut.

Thomas Zollinger versucht mit seinen bezüglich Teilnehmerschaft meist öffentlichen Performances einzugrenzen und zu fassen, was die minimalen Strukturen der Existenz sind: wachen, schlafen, gehen und sich ernähren. Die Form, in welcher er das tut, gibt wahrlich keinen Thriller her, aber die Ernsthaftigkeit, die Ausdauer und die Hartnäckigkeit, um nicht zu sagen der manische Zug, mit dem er dran bleibt, muss - zumindest als Konzept - auf die Dauer überzeugen. Er hat nur das Pech, dass er (meist) in Biel «geht» und nicht in New York und überdies in einer Zeit, da die Minimal Art eigentlich kaum Aktualität hat.

Als Provokation werden dabei weniger die Performances, von denen eine heute Abend beginnt und 24 Stunden dauert, als solche erlebt. Vielmehr schon die als Bestandteil des Existenz-Konzeptes formulierte Forderung, dass der Bewusstseinsprozess, den er mit seinem als «Ritual Theater» gelebten Leben öffentlich macht, Kunst sei und als künstlerische Tätigkeit «Arbeit» und somit vom Staat nach dem Grundsatz der «Kunstfreiheit» getragen werden müsse.

Ein überraschend gut besuchtes und qualitativ spannendes Gespräch im Rahmen von Thomas Zollingers Konzept-Ausstellung im Gewölbe-Keller in Biel umkreiste die Brisanz des Themas in einem Staat, der keine a priori gegebene Grundsicherung der Existenz kennt. Wenn auch die sich in der Forderung manifestierende Kreuzung zwischen sozialen und künstlerischen Aspekten nicht aufgelöst werden konnte, so machte das Gespräch doch zwei Dinge klar: Zum einen, dass der Fall Zollinger als Herausforderung und Fragestellung für die Kunst und darüber hinaus relevant ist, und zum anderen, dass es dem Künstler mit fundierter Dokumentation und Argumentation gelungen ist, die aktuellen Diskussionen rund um die Problematik der Existenzsicherung von Kunstschaffenden zwischen Idealismus und Kommerz bis in gesamtschweizerische Ebenen hinauf beispielgebend zu beeinflussen.

Mit Spannung wird sowohl bei der Schweizerischen Künstlergesellschaft (GSMBA) wie beim Bundesamt für Kultur der Entscheid des Bernischen Verwaltungsgerichtes erwartet. Dieses muss über die Rechtmässigkeit der Streichung des Grundbedarfs II seitens des Bieler Fürsorgeamtes im Fall Zollinger befinden. Dabei geht es über Paragraphenreiterei hinaus letztlich um die provokative Frage, ob Kunst Arbeit sei oder nicht.

Heute um 17 Uhr beginnt, ausgehend von der Gewölbe-Galerie, ein weiterer 24-Stunden-Akt des Lehrstückes «weiter gehen». Dabei werden verschiedene leere, zum Teil auch bewohnte, Räume in öffentlichem wie in privatem Umfeld mit einem durchgehenden Wassertragen als energetische Zeit- und Bewusstseinslinie miteinander verbunden. Thomas Zollinger spricht dabei weder von Meditation noch von Theater im Sinne eines konsumfertig präsentierten Stückes. Er betont vielmehr den interaktiven Aspekt, das heisst, die Performance gestaltet, die Räume verbindet und füllt, wer sich mit offener Konzentration daran beteiligt. Grundsätzlich neu ist dieses Wassertragen nicht. Der deutsche Künstler Klaus Rinke inszenierte schon an der Documenta 1977 in Kassel ein 12-Stunden-Wassertragen. Mutig ist indes die öffentliche Struktur von Thomas Zollingers Konzept.

Ihre Fortsetzung erfährt «weiter gehen» am Sonntag (2. Juli) ab 17 Uhr mit einer 40-minütigen Gehen-Performance in der Galerie, geführt von der Berner Performance-Künstlerin Susanne Daeppen.

Wer sich kurzfristig an der heutigen Performance beteiligen möchte, kann sich bis 15 Uhr bei Thomas Zollinger (341 77 41) oder in der Galerie (Obergasse 4/Altstadt, 323 49 58) melden. 5. bis 16. Juli Mi bis Fr je 19.15 Uhr, Sa/So 17.15 Uhr, Mo 17. 7. 19.15 Uhr: 45 Minuten Gehen - eine Übung.

 

(CH liebt Kunst, weiter gehen)