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22.11.2017

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Ritual Theater Übersicht

Das Ritual Theater hat sich ab 1991 mit Bezugnahme auf Arbeiten historischer Vorläufer herausgebildet. Der Begriff "Ritual Theater" taucht bei Antonin Artaud zum ersten Mal auf. Jerzy Grotowski hat mit der paratheatralen Phase und mit dem später folgenden Rückzug in die Labor-Arbeit das Theater an die Grenze des künstlerisch noch Möglichen geführt. Das Performance Theater von Norbert Klassen in Bern Ende der achziger Jahre bearbeitet auf dem Hintergrund von Fluxus und Schauspiellehrer-Tätigkeit mit unglaublicher Präzision die Schnittstelle zwischen Performance Art und Theater.

In den Performance Konzepten des Ritual Theater (Thomas Zollinger) gibt es keine Trennungen mehr in Bühne und Zuschauerraum, Schauspieler/ Performer und Zuschauer. Ein leerer Raum, über das Konzept in Bezug zu andern Räumen gesetzt, genügt (öffentlicher Raum, Stadtraum, Wohnung). Es gibt keine Objekte, keine Materialien mehr, es gibt nur noch den Körper als Medium, sei es als Bewegung, sei es als reine Präsenz (Sitzen, Gehen, Stehen, Liegen), im Rahmen genau definierter zeitlicher Strukturen und innerhalb, ausserhalb, zwischen genau definierten Räumen. Die dabei entstehende Situation lässt offen, wo denn jetzt "Theater" oder "Kunst" stattfinde. Ritual Theater ist ein durchlässiges Konzept.

Entstanden sind von 1994 bis 1998 vier Performance-Konzepte des Ritual Theater. Jedes hat auf eine spezifische Fragestellung zu reagieren versucht.

Zunächst ging es, vom Theater her kommend, um einen Prozess der Eliminierung von Materialien und Objekten und der Thematisierung der Trennung in Bühne und Zuschauerraum. In den Mittelpunkt rückte die Bewegung und die interaktive Präsenz der anwesenden Körper.
(5 Tage Ritual Theater 1994)

Schliesslich genügte ein leerer Raum mit den Menschen drin. Der öffentlich zugängliche leere Raum mit den Menschen drin wurde durch ein rituelles Wassertragen mit dem Aussenraum verbunden.
(6 mal 6 Stunden Ritual Theater 1995)

Ein weiteres Projekt dokumentiert die Schnittstelle zwischen dem Theater- und dem Kunstprojekt. Eine durchgehend geöffnete leere Galerie mit wachenden Menschen drin wurde durch das durchgehende blosse Hinundhergehen einer Person mit dem öffentlichen Stadtraum und einer leeren Wohnung verbunden.
(24 Stunden Ritual Theater 1995)

Das vierte und umfassendste Konzept präsentierte als leeren Raum ein leeres Warenhaus. Dieses war 168 Stunden durchgehend geöffnet. Ein ununterbrochenes, sich stündlich wiederholendes Ritual des Wassertragens brachte die spezielle Situation ins öffentliche Unterbewusstsein. Das Wachen im leeren Warenhaus forderte die 27 direkt beteiligten Personen zu detaillierten Bezügen zwischen "Kunst"-Handlungen und "Lebens"-Handlungen heraus.
(7 Tage Ritual Theater, 5. 07. bis 11.07.1998)

Im Rahmen des 7 Tage Ritual Theater sind vier Lehrstücke des Ritual Theater als Konzept entstanden:
40 Minuten Sitzen (Performance 08.07.1998)
40 Minuten Gehen (Performance 02.07.2000)
40 Minuten Stehen (Performance 03.09.2001)
40 Minuten Liegen

Die theoretische Begründung des Ritual Theater im Sinne einer Bezugnahme auf theater- und kunstgeschichtliche Vorläufer wurde mit dem Text "Endspiel-Theater" (1997) unternommen. Ein weiterer Text benennt offene Fragen im Bereich der Performance Art und des Performance Theater, in dessen Umfeld die künstlerische Forschung ihren Anfang genommen hat, und sucht nach den Schnittstellen zum Ritual Theater ("Performance und Ritual Theater", 1999).