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22.11.2017

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Tantra Ritual Theater

Die Schwierigkeit des Tantra Ritual Theaters liegt darin, dass Menschen mit gestalterischen und künstlerischen Schwerpunkten wenig für die Integration eines tantrischen Ansatzes übrig haben. Wohl gibt es in Literatur, Malerei, Kunst unzählige Beispiele der Thematisierung von Sexualität von ihrer Sublimierung bis zur exzessiven Darstellung (Wiener Aktionismus). Der direkte Ausdruck von sexueller Energie und das damit verbundene Aggressions- wie auch Liebespotential wurde in einen Zusammenhang von Kunst und Leben gebracht. Neuere Beiträge zur Entmystifizierung der Sexualität, vor allem der weiblichen setzen Massstäbe (Annie Sprinkle). Der Tantra-Boom seinerseits macht einen zwiespältigen Eindruck. Er trägt auf einer feinen essentiellen Ebene ebenfalls zur Entmystifizierung der Sexualität bei und bringt sie in einen Zusammenhang von Spiritualität. Das Aufkommen von "tantrischen Hochzeiten", der Hang zu esoterischem Kitsch und der Gebrauch sexueller Energien zu Geldraffzwecken weist allerdings in die Richtung altbekannter Mythen. Auf diesem Hintergrund wird die zweite Schwierigkeit des Tantra Ritual Theaters verständlich: Jene Menschen, die etwas von tantrischen Ansätzen halten, interessieren sich nur zögernd für gestalterisches Schaffen, geschweige denn für Kunst als existentieller Herausforderung. Da gehen Frauen und Männer um Dieter Duhm ("Der unerlöste Eros")  gesellschaftsbezogener zur Sache. Ihr Kunstbegriff allerdings erinnert an Expressionismus, Happening und Aktionismus, vollzogen wird der Akt im Rahmen des Lebens oder eines "Kurses" im Camp - etwas altbacken. Ueberdies: Kunst als Vehikel kann nicht funktionieren, auch nicht zur Befreiung des Eros. Als zusätzliche Schwierigkeit steht das Ritual Theater sich selber im Weg. Hier hat das weitverbreitete Bedürfnis nach Verbrüderung oder Verschwesterung keinen Platz. Dem Hang zum Therapieren und Therapiertwerden muss aus künstlerischer Sicht eine Absage erteilt werden. Kuscheln ist nur im ausbalancierten Verhältnis zum Alleinsein, des Zurückgeworfenseins auf sich selber, möglich.

Wer sich um Kunst bemüht, kommt nicht um die Integration der sexuellen Energie, dem Ursprung von allem Schöpferischen, herum, mit welchen Konsequenzen auch immer. Wenn hier von Tantra die Rede ist, so ist jenes des östlichen Meditationsmeisters Osho gemeint, unter Abzug der stark psychologisierenden und therapeutischen Komponente. Es unterscheidet sich in der Praxis vom buddhistischen Tantra, nicht aber dem Wesen nach. Letztlich wird der Umgang mit sexueller Energie ein innerlicher. Orgastische Energien werden gehalten und damit zusammenhängende Emotionen als ein Geschehen erfahren, das im Körper verankert ist und sich selbst genügt. Die durch bewusste An- und Entspannung entstehende Energiedichte bewirkt ein beständiges körperlich-geistiges Wacherwerden und ergibt den Boden für ein Tun jenseits von Mache, Absicht und unnötigen Begrenzungen. Tantra Ritual Theater geschieht in einem Raum der Stille, was Stimme (auch Worte) im präzisen Moment nicht ausschliesst.

 

(zum Tantra Ritual Theater Labor "Hautnah", 1996)